Die Tradition des Yoga

Grundlage aller Übungswege des Yoga ist das Yoga-Sutra des Patanjali. Es ist unsicher, aus welchem Jahrhundert dieser Text stammt. In Indien hält man den Verfasser des Yoga-Sutra für identisch mit dem Verfasser eines Grundlagenwerkes der Grammatik aus dem fünften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Die moderne Indologie hingegen stellt diese Identität in Frage. Sie erkennt zu viele stilistische Unterschiede zwischen beiden Werken und datiert den Text auf das zweite Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung. 

Der Begriff Yoga

Das Wort Yoga entstammt der Sanskrit-Wurzel yuj, was „anspannen, anschirren, verbinden“ bedeutet. Mit Yoga wurde in Indien das Joch bezeichnet, mit dem der Bauer zwei Ochsen an deren Hals miteinander verbindet. Der Bauer führt die beiden Ochsen an das Joch angebunden hinter sich her, die wiederum den Pflug hinter sich herziehen, der am Joch befestigt ist. Mittels des Pfluges und mithilfe der Ochsen wird wiederum die Erde so gelockert, dass sie den Samen aufnehmen kann. Wie ist dieses Bild in Bezug zur Wissenschaft des Yoga zu deuten? Zunächst fällt eine Polarität ins Auge: Einerseits der Bauer als Herrscher, als Führender, als Lenker – andererseits die beiden Ochsen als Arbeitstiere, als beherrschte, geführte Diener. Selbstverständlich steht dieses Bild für die beiden wesentlichen Bestandteile des Menschen: O Mensch, halb Geist, halb Erde, Werde! Der Geist, das Bewusstsein, sollte den irdenen, den materiellen, Menschen beherrschen, der wiederum zweigliedrig ist, nämlich fein- und grobstofflich: Es ist einerseits der materielle Körper (sthula sharira), andererseits der innere Schweinehund, der feinstoffliche Körper (linga sharira). Das äußere Ich, das ahamkara, gilt als ein Teil dieses feinstofflichen Körpers. Ich möchte der Einfachheit halber z

Das Mittel dieser Verbindung, im Bild das Joch, der praktische Übungsweg des Yoga.

Nun ist in dem Bild die Verbindung der beiden Ochsen miteinander durch den Bauern aber nicht Selbstzweck. Eigentlicher Zweck dieser Verbindung ist die Kultivierung des Bodens, um diesen besähen zu können, damit in diesem Boden Getreide wachse, was irgendwann geerntet werden kann, sodass sich der Mensch davon ernähren kann und davon leben kann. So ist auch die Wissenschaft des Yoga ein Weg zur Kultivierung und Verwandlung der Erde und das Ergebnis dieser Kultivierung und Verwandlung stellt für den Menschen gleichermaßen eine Art von Nahrung dar, wovon er in einem höheren Sinne leben kann. Yoga ist das Instrument der Verbindung des inneren und äußeren Menschen mit dem Ziel einer Kultivierung, einer Verwandlung der gesamten Erde.    

Gleichzeitig meint der Begriff Yoga im Sinne von Verbindung die stetige oder ständige Verbundenheit mit seiner Quelle. Das Gefühl des ständigen Verbundenseins ist das Ziel des Yoga. Mit dem Begriff Yoga ist also gleichermaßen ein Weg, diese Verbindung herzustellen und zu kräftigen, gemeint als auch der Zustand der Verbundenheit, also das Ziel des Weges.