Yoga bedeutet „Verbindung“ und „Einheit“. In erster Linie die Verbindung und Einheit von Körper und Geist (Bewusstsein). Sie geschieht durch die Achtsamkeit und Konzentration auf die Atmung oder den Körper während der Meditation oder einer Asana, einer aktiven körperlichen Yoga-Stellung. Durch diese Einheit von Körper und Bewusstsein erfahren wir ein völlig neues Körpergefühl, mehr Kraft im Alltag, mehr Ausgeglichenheit und Entspannung.

Der Begriff Yoga

Das Wort Yoga entstammt der Sanskrit-Wurzel yuj, was „anspannen, anschirren, verbinden“ bedeutet. Mit Yoga wurde in Indien das Joch bezeichnet, mit dem der Bauer zwei Ochsen an deren Hals miteinander verbindet. Der Bauer führt die beiden Ochsen an das Joch angebunden hinter sich her, die wiederum den Pflug hinter sich herziehen, der am Joch befestigt ist. Mittels des Pfluges und mithilfe der Ochsen wird wiederum die Erde so gelockert, dass sie den Samen aufnehmen kann. Wie ist dieses Bild in Bezug zur Wissenschaft des Yoga zu deuten? Zunächst fällt eine Polarität ins Auge: Einerseits der Bauer als Herrscher, als Führender, als Lenker – andererseits die beiden Ochsen als Arbeitstiere, als beherrschte, geführte Diener. Selbstverständlich steht dieses Bild für die beiden wesentlichen Bestandteile des Menschen: O Mensch, halb Geist, halb Erde, Werde! Der Geist, das Bewusstsein, sollte den irdenen, den materiellen, Menschen beherrschen, der wiederum zweigliedrig ist, nämlich fein- und grobstofflich: Es ist einerseits der materielle Körper (sthula sharira), andererseits der innere Schweinehund, der feinstoffliche Körper (linga sharira). Das äußere Ich, das ahamkara, gilt als ein Teil dieses feinstofflichen Körpers. Ich möchte der Einfachheit halber z

Das Mittel dieser Verbindung, im Bild das Joch, der praktische Übungsweg des Yoga.

Nun ist in dem Bild die Verbindung der beiden Ochsen miteinander durch den Bauern aber nicht Selbstzweck. Eigentlicher Zweck dieser Verbindung ist die Kultivierung des Bodens, um diesen besähen zu können, damit in diesem Boden Getreide wachse, was irgendwann geerntet werden kann, sodass sich der Mensch davon ernähren kann und davon leben kann. So ist auch die Wissenschaft des Yoga ein Weg zur Kultivierung und Verwandlung der Erde und das Ergebnis dieser Kultivierung und Verwandlung stellt für den Menschen gleichermaßen eine Art von Nahrung dar, wovon er in einem höheren Sinne leben kann. Yoga ist das Instrument der Verbindung des inneren und äußeren Menschen mit dem Ziel einer Kultivierung, einer Verwandlung der gesamten Erde.

Gleichzeitig meint der Begriff Yoga im Sinne von Verbindung die stetige oder ständige Verbundenheit mit seiner Quelle. Das Gefühl des ständigen Verbundenseins ist das Ziel des Yoga. Mit dem Begriff Yoga ist also gleichermaßen ein Weg, diese Verbindung herzustellen und zu kräftigen, gemeint als auch der Zustand der Verbundenheit, also das Ziel des Weges.

Hatha-Yoga: Sonne und Mond

Über den grundlegenden Dualismus, der sämtliche Begebenheiten dieser Welt durchdringt und bestimmt, ist im Zusammenhang mit dem Begriff Yoga bereits gesprochen worden. Die philosophische Grundlage der Yoga, die Samkhya-Lehre definiert die Welt als ein Zusammenwirken der beiden Polaritäten Purusha und Prakriti, des Ur-Männlichen und des Ur-Weiblichen. Während Prakriti die gesamte Materie, die Natur und jede Art der Körperlichkeit umfasst, reduziert sich Purusha auf das reine Bewusstsein, den Wesenskern des Menschen. Während Purusha reine Potenz, die reine Ruhe, aber auch die Quelle allen Seins und aller Energie ist, umfasst Prakriti alles Sichtbare sowie jede Art von Energie (Shakti), ja gewissermaßen alles Leben in seiner Aktualität. Gemäß der bereits behandelten Begriffe entspricht Purusha dem inneren Ich, während das äußere Ich wenn auch nicht die gesamte Prakriti, d.h. Natur oder Schöpfung, so doch ein wichtiger Teil von ihr, darstellt.

Jedes Götterpaar des indischen Mythos repräsentiert diese Ur-Dualität: Parvati-Shiva, Sita-Rama, Radha-Krishna, Sarasvati-Brahma etc. Immer stellt das Männliche die Energiequelle, das Weibliche die Energie selbst, die Materie und ihre Entfaltungsmöglichkeiten dar. In der Bezeichnung Hatha-Yoga kommt zum Ausdruck, was diese grundsätzlichste Dualität mit Yoga zu tun hat. Ha wird im Sanskrit mit Sonne, tha mit Mond wiedergegeben. Auch die Sonne ist in ihrer Position als Licht- und Wärmequelle seit jeher Symbol des Männlichen und wird ja auch im Griechischen, Lateinischen (sol, solis) sowie in sämtlichen romanischen Sprachen männlich dekliniert (il sole, el sol, il soleil etc.), während der Mond als bloße Materie, die das Sonnenlicht aufnimmt und ausstrahlt, in ihrer empfangenden Eigenschaft als das Symbol des Weiblichen gilt. Auch im Griechischen, Lateinischen (luna) sowie in sämtlichen romanischen Sprachen (la luna, la lune) wird der Mond weiblich dekliniert. Hatha-Yoga meint somit die Verbindung bzw. Vereinigung der Polarität des Männlichen und des Weiblichen.

In sämtlichen religiösen Traditionen aller Weltkulturen spielt die Vereinigung der Polaritäten des Männlichen und des Weiblichen eine zentrale Rolle. Dabei entspricht dem Männlichen stets das Prinzip des Schöpfungsaktes, der Potenz, der Form, während das Weibliche die Schöpfung als Geschaffenes, Mutter Natur, Materie (von lat. mater = Mutter) umfasst. Man benötigt zur Schöpfung einer Plastik ebenso eine Form, eine Idee wie auch die Materie dazu, beides ist notwendig. Die These ist ebenso notwendig wie die Synthese, der Tag ebenso wie die Nacht, die Ruhe ebenso wie die Aktivität. Entscheidend ist, dass die Dualität existiert, um überwunden zu werden. These und Antithese bilden gemeinsam die Synthese, die sowohl These als auch Antithese, in sich einschließt als auch transzendiert, d.h. übersteigt, es dadurch auf eine neue Ebene hebt und damit befreit und erlöst.

Wenn wir an Yoga denken, denken wir normalerweise an die Körperstellungen, die Asanas. Danach vielleicht an Meditation und Methoden oder Wege dazu. Die ältesten Texte über Yoga geben allerdings ein wesentlich breiteres Begriffsspektrum an. Zunächst teilen Sie den Menschen – bzw. sein Gemüt, sein Innenleben – in drei Teile: einen denkenden, einen fühlenden und einen handelnden Teil. In jedem dieser Teile kann Yoga erreicht werden und jeder dieser Teil kann ein Werkzeug für das Yoga sein. Jeder Mensch fühlt sich wohl auch in jeweils einem dieser seiner Teile besonders zuhause. Es gibt ganz offensichtlich eher Denkertypen, eher gefühlsmäßig veranlagte Menschen und es gibt die Macher. Sinnvoll ist es – das wird im Verlauf des Textes hoffentlich immer klarer werden – sich in allen drei Disziplinen zu üben und zu vervollkommnen. Diese drei Teile des Menschen, das Denken, das Gefühl und sein Wille zur Tat, sind gewissermaßen die Objekte der drei großen traditionellen Yogawege, die im Sanskrit Jnana-Yoga, Bhakti-Yoga und Karma-Yoga genannt werden. Der Weg des Jnana-Yoga ist auf Erkenntnis ausgerichtet und hinterfragt gleichermaßen die Erkenntnisfähigkeiten und –möglichkeiten des Menschen. Der Weg der Bhakti setzt eine lebendige Metaphysik, ein Jenseits voraus, Der Weg des Karma-Yoga hingegen fragt nach dem richtigen Handeln des Menschen.